Internationale Pharmakovigilanz: Harmonisierung der Sicherheitsüberwachung

Internationale Pharmakovigilanz: Harmonisierung der Sicherheitsüberwachung Feb, 18 2026

Wenn ein neues Medikament auf den Markt kommt, wissen wir alle: Es muss sicher sein. Aber wie genau wird das sichergestellt? In Deutschland, der EU, den USA, Japan oder Brasilien? Die Antwort ist komplex. Denn obwohl Medikamente global vertrieben werden, funktioniert die Überwachung ihrer Nebenwirkungen noch immer nach unterschiedlichen Regeln. Das ist nicht nur ineffizient - es gefährdet Patienten. Die internationale Pharmakovigilanz versucht, das zu ändern. Aber wie weit ist man wirklich gekommen? Und warum bleibt die Harmonisierung ein Kampf?

Was ist Pharmakovigilanz - und warum braucht sie eine globale Regelung?

Pharmakovigilanz ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Entdeckung, Bewertung, Analyse und Verhinderung von Nebenwirkungen von Arzneimitteln beschäftigt. Sie läuft nicht nur in klinischen Studien ab, sondern vor allem danach - wenn Tausende oder Millionen Menschen ein Medikament einnehmen. Hier kommen echte Daten aus der Praxis: Patienten melden Nebenwirkungen, Ärzte dokumentieren unerwartete Reaktionen, Apotheken sammeln Hinweise. Doch diese Daten fließen nicht in einen globalen Pool. Sie werden in nationalen Systemen gesammelt, nach unterschiedlichen Regeln verarbeitet und oft in unterschiedlichen Formaten übermittelt.

Das Problem? Ein Medikament, das in den USA zugelassen ist, wird in Deutschland, Japan und Indien ebenfalls verkauft. Aber wenn ein schwerer Nebeneffekt auftritt, muss das Unternehmen nicht nur eine Meldung abgeben - es muss oft drei, vier oder mehr verschiedene Formulare ausfüllen. Jedes Land hat eigene Fristen, eigene Definitionen von „ernsthaft“ und eigene Kriterien, wann eine Meldung innerhalb von 15 Tagen erfolgen muss. Das führt zu Verzögerungen, zu doppelten Arbeiten - und manchmal zu verschwommenen Signalen, die erst zu spät erkannt werden.

Die ICH: Der Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden

Seit 1990 gibt es eine Organisation, die genau das ändern will: den International Council for Harmonisation (ICH). Gegründet von den USA, der EU und Japan, hat sie sich zur Aufgabe gemacht, die Anforderungen an die Entwicklung und Überwachung von Medikamenten weltweit zu vereinheitlichen. Ihr Ziel ist klar: „Sichere, wirksame und hochwertige Medikamente“ schneller und effizienter auf den Markt zu bringen - ohne Qualitätseinbußen.

Der Erfolg ist messbar. Die ICH-Richtlinien, besonders die E2-Serie, haben die Art und Weise, wie Nebenwirkungen gemeldet werden, revolutioniert. Die E2B(R3)-Norm definiert ein elektronisches Format für Einzelfallmeldungen - und 89 % der Top-50-Pharmaunternehmen nutzen es heute. Das hat die Übertragungsfehler um 63 % reduziert. Die Zahl der abgelehnten Meldungen sank. Die Verarbeitungszeit für eine einzelne Meldung sank um 25 bis 30 %. Das ist kein kleiner Fortschritt - das ist ein Systemwechsel.

Aber Harmonisierung ist kein Knopfdruck. Die ICH gibt Standards vor - aber sie zwingt nicht. Jedes Land entscheidet selbst, wie strikt es sie umsetzt. Und hier beginnen die Lücken.

Wo unterscheiden sich die Systeme wirklich?

Die EU verlangt von allen neuen Medikamenten einen detaillierten Risikomanagementplan (RMP). Jede mögliche Nebenwirkung, selbst die seltenen, muss dokumentiert, überwacht und kommuniziert werden. Die FDA in den USA macht das anders. Sie verlangt einen solchen Plan nur für Medikamente mit hohem Risiko - das sind etwa 1,2 % aller zugelassenen Wirkstoffe. Der Rest? Kein verpflichtender RMP. Das spart Zeit - aber es schafft auch Unsicherheit.

Die Fristen sind ein weiterer Punkt. In den USA muss eine schwerwiegende, unerwartete Nebenwirkung innerhalb von 15 Tagen gemeldet werden. In der EU ist es komplizierter: Je nach Medikamententyp, ob es neu ist oder nicht, ob es ein Biosimilar ist - die Fristen variieren. In Japan nutzt die PMDA das J-STAR-System, das Daten von 12 Millionen Patienten auswertet. China verlangt ebenfalls eine Meldung innerhalb von 15 Tagen - aber nur wenn die Nebenwirkung lokal aufgetreten ist. Für ein multinational tätiges Unternehmen bedeutet das: Ein und dieselbe Nebenwirkung wird drei Mal gemeldet - mit drei verschiedenen Formularen, drei verschiedenen Fristen, drei verschiedenen Interpretationen.

Und dann gibt es noch die WHO. Mit VigiBase hat sie die weltweit größte Datenbank für Einzelfallmeldungen: über 35 Millionen Berichte aus 134 Ländern. Sie ist ein Schatz - aber auch ein Spiegelbild der Ungleichheit. Während 95 % der Unternehmen in den USA und der EU die ICH-Standard umgesetzt haben, tun das in Schwellenländern nur 42 %. In Ländern wie Brasilien oder Südafrika kann nicht einmal 15 % des realen Datenpotenzials aus elektronischen Gesundheitsakten genutzt werden. Warum? Fehlende Infrastruktur, fehlende Schulung, fehlende Mittel.

Apothekerin sortiert digitale Sicherheitsberichte in einem japanischen Garten, während KI-Drache die Daten analysiert.

Technologie als Hebel - aber nicht als Wunderwaffe

Die Zukunft der Pharmakovigilanz liegt in Daten und KI. Die EMA und die FDA setzen seit 2022 maschinelles Lernen ein, um Nebenwirkungssignale schneller zu erkennen. Ergebnis: 30 bis 40 % schnellere Erkennung als mit traditionellen Methoden. In Japan hat die PMDA 2023 ein KI-Modell gestartet, das falsche Alarme um 25 % reduziert hat. Das ist nicht nur effizienter - es ist lebenswichtig. Denn je schneller ein Risiko erkannt wird, desto eher kann ein Medikament zurückgezogen oder mit Warnhinweisen versehen werden.

Aber KI braucht Daten. Und Daten brauchen Standards. Wenn ein europäisches Krankenhaus eine Nebenwirkung mit MedDRA-Codes meldet - einem internationalen Standard - und ein brasilianisches Krankenhaus sie mit einem lokalen System beschreibt, kann die KI nicht lernen. Sie kann nicht vergleichen. Sie kann nicht warnen. Deshalb ist die größte Hürde nicht die Technik - es ist die Datenqualität.

Ein EMA-Bericht aus 2023 zeigte: 18 bis 22 % aller eingereichten Meldungen werden wegen falscher oder unvollständiger MedDRA-Codierung abgelehnt. Das ist kein technisches Problem - das ist ein menschliches. Es braucht gut ausgebildete Pharmakovigilanz-Spezialisten, die nicht nur Pharmazie verstehen, sondern auch Datenlogik, Codierung und KI-Grundlagen.

Was sagen die Betroffenen?

Pharmakovigilanz-Manager in multinationalen Unternehmen beschreiben ihre Arbeit oft als „Kopfzerbrechen“. Eine Umfrage von PharmaExec aus 2023 ergab: 82 % der Befragten sehen die unterschiedlichen nationalen Anforderungen als größte Hürde. Ein Mitarbeiter auf Reddit schrieb: „Ich verbringe 35 bis 40 % meiner Arbeitszeit damit, Sicherheitsberichte für die EU und die FDA anzupassen.“

Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten. Novartis hat 2023 veröffentlicht, dass die Einführung eines globalen Sicherheitsdatenbanksystems den doppelten Eintrag von Fällen um 92 % reduziert hat. Die Erkennung kritischer Sicherheitssignale beschleunigte sich um 38 Tage. Das ist nicht nur eine Kosteneinsparung - das ist eine Lebensretter.

Der Preis dafür? 18 bis 24 Monate Implementierungszeit. Und eine komplett neue Kompetenzstruktur. Heute verlangen 76 % der führenden Pharmaunternehmen, dass ihre Pharmakovigilanz-Mitarbeiter Grundkenntnisse in maschinellem Lernen haben. Das ist kein Nebenfach mehr - das ist Kernkompetenz.

Globale Gesundheitstempel mit KI-Licht, das Datenstandards zwischen reichen und armen Ländern verbindet.

Was kommt als Nächstes?

Im März 2024 kündigte die ICH ein neues Projekt an: die Harmonisierung von KI-Validierungsstandards. Bis Q2 2026 soll es einen gemeinsamen Rahmen geben, wie KI-Modelle in der Pharmakovigilanz getestet, überprüft und genehmigt werden. Das ist ein Meilenstein. Denn bisher hat jedes Land seine eigenen Regeln für KI - und das macht den Einsatz riskant.

Die WHO arbeitet an ihrer „Global Smart Pharmacovigilance Strategy“. Ziel: Bis 2027 einheitliche Datenstandards für 150 Mitgliedsländer. Und die FDA, EMA und PMDA haben im Januar 2024 eine gemeinsame Task Force gegründet - und schon 78 % der Anforderungen für neue Biologika abgestimmt.

Das ist kein Zufall. Es ist eine Reaktion auf die Realität: Medikamente reisen. Patienten reisen. Nebenwirkungen reisen. Aber die Überwachung muss mitziehen.

Die Zukunft: Gemeinsam - aber nicht gleich

Harmoinisierung bedeutet nicht, dass alle Länder dieselben Regeln haben. Es bedeutet, dass sie dieselbe Sprache sprechen. Dass sie dieselben Formate nutzen. Dass sie dieselben Definitionen für „ernsthaft“ oder „unerwartet“ haben. Dass sie dieselben Tools zur Analyse einsetzen.

Der Nutzen ist riesig: Deloitte schätzt, dass vollständige Harmonisierung jährlich 2,3 Milliarden US-Dollar an Kosten sparen könnte - und bis zu 1.500 Todesfälle durch verzögerte Warnungen verhindern. Aber dafür muss der globale Finanzierungsbedarf von 1,8 Milliarden Dollar für die Infrastruktur in Schwellenländern gedeckt werden. Sonst bleibt die Harmonisierung ein Luxus für reiche Länder.

Die Technik ist da. Die Standards sind da. Die Motivation ist da. Was fehlt, ist die Bereitschaft, gleiche Chancen zu schaffen - nicht nur gleiche Regeln.