Myxedema-Koma: Schwere Hypothyreose und Notfallprotokolle
Jan, 6 2026
Ein Myxedema-Koma ist kein gewöhnlicher Zustand der Erschöpfung. Es ist eine lebensbedrohliche Notfallsituation, die entsteht, wenn der Körper durch jahrelange, unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion fast vollständig aus dem Gleichgewicht gerät. Die Betroffenen liegen nicht einfach nur krank im Bett - sie fallen in eine Art lebendiges Stillstand, bei dem Herz, Lunge, Gehirn und Stoffwechsel langsam aufhören, richtig zu funktionieren. Und das passiert oft, weil niemand die Warnsignale erkennt.
Was genau ist ein Myxedema-Koma?
Früher dachte man, man brauche ein Koma, um von einem Myxedema-Koma zu sprechen. Heute weiß man: Es reicht, wenn jemand schwer verändert im Bewusstsein ist - verwirrt, apathisch, kaum ansprechbar. Der Begriff „Myxedema-Koma“ wird zunehmend durch „Myxedema-Krise“ ersetzt, weil das Koma nicht mehr zwingend nötig ist. Der Kern bleibt: extreme, akute Verschlechterung einer langjährigen Schilddrüsenunterfunktion. Die Hormone T3 und T4 sind so niedrig, dass der Körper nicht mehr genug Energie produziert, um grundlegende Funktionen aufrechtzuerhalten. Temperaturregulierung, Herzschlag, Atmung, Verdauung - alles verlangsamt sich dramatisch.
Die ersten Beschreibungen stammen aus dem Jahr 1879, als William Ord die charakteristische Schwellung der Haut - das „Myxedema“ - beschrieb. Heute ist es eine seltene, aber extrem gefährliche Komplikation. Die Sterblichkeitsrate liegt zwischen 25 und 60 Prozent. Das ist mehr als bei einer schweren Lungenentzündung oder einem Herzinfarkt. Und der Grund? Meistens: Verzögerung. Ärzte erkennen es nicht schnell genug. Patienten selbst merken es oft zu spät.
Die typischen Symptome - nicht immer, was man erwartet
Wenn man an Schilddrüsenunterfunktion denkt, kommt einem vielleicht Müdigkeit, Gewichtszunahme oder kalte Hände in den Sinn. Beim Myxedema-Koma ist es etwas anderes. Es ist, als würde der Körper in einen tiefen Winterschlaf fallen - nur ohne die Möglichkeit, wieder aufzuwachen.
Die drei wichtigsten Anzeichen, die Ärzte suchen, sind:
- Verändertes Bewusstsein: Von leichter Verwirrtheit bis hin zu völliger Bewusstlosigkeit. Viele Patienten wirken „abwesend“, wie in einer Nebelwelt. Sie antworten langsam oder gar nicht.
- Hypothermie: Die Körpertemperatur sinkt unter 35 °C. Manchmal sogar unter 32 °C. Und das, obwohl der Patient vielleicht in einem warmen Zimmer liegt. Die Haut ist kalt, blass, trocken. Die Lippen blau.
- Ein auslösendes Ereignis: Fast immer gibt es einen Auslöser - meist eine Infektion, wie eine Lungenentzündung oder Harnwegsinfekt. Aber auch Kälteexposition, Medikamentenabbruch, Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Krise auslösen.
Andere Symptome sind fast immer dabei: extrem langsamer Herzschlag (unter 60 Schläge pro Minute), flache Atmung (weniger als 12 Atemzüge pro Minute), starke Schwellungen im Gesicht, an den Augenlidern, an den Beinen - das typische „nicht-drückende“ Ödem. Der Magen-Darm-Trakt wird träge: Verstopfung, Darmverschluss, manchmal sogar eine gefährlich aufgeblähte Darmwand (Megakolon). Und fast jeder zweite Patient hat zu wenig Natrium im Blut - Hyponatriämie.
Was besonders gefährlich ist: Ältere Menschen zeigen oft gar nicht die klassischen Symptome. Sie haben keine kalten Hände, keine Gewichtszunahme. Sie wirken nur „depressiv“ oder „vergesslich“. Ärzte denken an Demenz oder Depression - und verpassen die echte Ursache. In bis zu 30 Prozent der Fälle wird die Schilddrüsenunterfunktion bei älteren Patienten jahrelang übersehen.
Warum ist das so gefährlich?
Ein Myxedema-Koma ist nicht nur eine Hormonstörung - es ist ein Systemversagen. Der Körper hat keine Energie mehr. Das Gehirn wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Lunge atmet zu flach, um Kohlendioxid abzugeben. Der Blutdruck sinkt. Das Herz kann nicht mehr pumpen. Die Nieren filtern kaum noch. Und das alles passiert langsam, unauffällig - bis es zu spät ist.
Im Vergleich zu anderen endokrinen Notfällen ist es besonders schwer zu erkennen. Bei einer Diabetischen Ketoazidose misst man Blutzucker, pH-Wert, Ketone - klare Zahlen. Bei einer Schilddrüsenüberfunktion mit Schilddrüsensturm ist der Puls hoch, die Temperatur erhöht, die Symptome dramatisch. Beim Myxedema-Koma ist alles umgekehrt: langsam, still, unauffällig. Und das macht es so tödlich.
Die Sterblichkeitsrate ist höher als bei einer Diabetischen Ketoazidose (2-5 %), fast so hoch wie bei einer Nebenniereninsuffizienz (15-25 %). Und für jede Stunde, die die Behandlung verzögert wird, steigt die Sterblichkeitsrate um 10 Prozent. Das ist kein Risiko - das ist ein Countdown.
Was muss sofort passieren? Das Notfallprotokoll
Es gibt keine Zeit für Warten. Keine Zeit für Labortests, die Stunden brauchen. Wenn ein Patient mit Verwirrtheit, Hypothermie und einem möglichen Auslöser (Infektion, Kälte, Medikamentenabbruch) ins Krankenhaus kommt - wird sofort behandelt. Nicht gewartet, bis die Blutwerte da sind.
Die ersten drei Schritte sind entscheidend:
- Atemwegsicherung: In 50 bis 70 Prozent der Fälle muss der Patient intubiert werden. Die Atmung ist zu schwach. Sauerstoff allein reicht nicht. Eine Beatmungsmaschine ist nötig, um Kohlendioxid aus dem Körper zu bekommen und Sauerstoff zuzuführen.
- Sofortige Hormonersatztherapie: Intravenöse Levothyroxin (T4) wird in einer Dosis von 300 bis 500 Mikrogramm gegeben - sofort. Danach folgen täglich 50 bis 100 Mikrogramm. Bei schweren Fällen, besonders wenn das Herz geschwächt ist, wird zusätzlich Liothyronin (T3) in 10-20 Mikrogramm alle 8 Stunden gegeben. Die neue FDA-zugelassene Formel Thyrogen® wirkt schneller und wird ab 2023 zunehmend eingesetzt.
- Infektion ausschließen - und behandeln: In 30 bis 50 Prozent der Fälle ist eine Infektion der Auslöser. Meist Lungenentzündung oder Harnwegsinfekt. Deshalb bekommt jeder Patient sofort Breitbandantibiotika - ohne Abwarten von Kulturergebnissen. Die Infektion muss besiegt werden, sonst bleibt die Krise bestehen.
Die DIMES-Regel hilft Ärzten, den Auslöser zu finden: Drugs (Medikamente), Infection (Infektion), Myocardial infarction/CVA (Herzinfarkt/Schlaganfall), Exposure (Kälteexposition), Stroke (Schlaganfall).
Was darf man nicht tun?
Es gibt einige Fehler, die tödlich sein können.
Erstens: Nicht aktiv aufwärmen. Viele denken: „Er ist kalt - wir wärmen ihn mit Decken, Heizlüftern, Warmwasserflaschen.“ Das ist falsch. Wenn der Körper plötzlich wärmer wird, aber die Hormone noch nicht wirken, steigt der Energiebedarf - das Herz kann nicht mithalten. Es kommt zu Kreislaufkollaps. Richtig ist: passive Wärmung. Die Patienten werden mit trockenen, warmen Decken zugedeckt, der Raum ist angenehm warm, aber keine aktive Wärmequelle. Die Temperatur wird alle 30 Minuten gemessen.
Zweitens: Nicht zu schnell Natrium korrigieren. Bei Hyponatriämie darf der Natriumspiegel nicht schneller als 4-6 mmol/L pro 24 Stunden angehoben werden. Sonst droht das Osmostat-Demyelinisierungssyndrom - eine schwere, oft bleibende Hirnschädigung.
Drittens: Nicht warten. Die größte Fehlerquelle ist: „Wir warten auf die Labore.“ Aber die Laborergebnisse brauchen Stunden. Die Hormone müssen sofort gegeben werden - selbst wenn die Werte noch nicht vorliegen. Experten sagen: „Behandeln Sie, bevor die Blutwerte kommen.“
Wer ist betroffen - und warum wird es immer mehr?
Myxedema-Koma trifft vor allem Frauen über 60. Das Verhältnis von Frauen zu Männern liegt bei 3:1. Aber Männer haben oft längere Diagnoseverzögerungen - sie werden seltener auf Schilddrüsenprobleme untersucht, ihre Symptome werden leichter als „Alter“ oder „Depression“ abgetan. 40 Prozent der Diagnoseverzögerungen passieren bei Männern.
Die Krankheit tritt häufiger im Winter auf. Kälte zwingt den Körper, mehr Energie zu verbrauchen - und bei einem bereits geschwächten Schilddrüsenstoffwechsel reicht das nicht mehr. Studien zeigen: In Skandinavien ist die Rate 50 Prozent höher als im Mittelmeerraum.
Und es wird immer mehr. Die Weltbevölkerung altert. Viele Menschen haben eine unbehandelte Hashimoto-Thyreoiditis, die jahrelang ignoriert wird. In Entwicklungsländern gibt es oft gar keine Schilddrüsen-Funktionstests. Die Global Burden of Disease-Studie prognostiziert bis 2030 einen Anstieg um 20 Prozent. Das ist keine Zukunftsvorhersage - das ist eine drohende Krise.
Was können Patienten tun?
Die meisten Myxedema-Komas passieren bei Menschen, die schon länger Schilddrüsenmedikamente einnehmen - aber sie haben abgesetzt. Oft, weil sie in ein Krankenhaus kamen und die Medikamente nicht weitergegeben wurden. Oder weil sie sich „besser“ fühlten und dachten, sie bräuchten sie nicht mehr.
Wenn Sie eine Schilddrüsenunterfunktion haben: Nehmen Sie Ihre Medikamente immer ein. Selbst wenn Sie sich gut fühlen. Selbst wenn Sie krank sind. Sagen Sie jedem Arzt, der Sie behandelt: „Ich nehme Schilddrüsenmedikamente.“
Wenn Sie jemanden kennen, der plötzlich sehr apathisch, kalt, verwirrt oder kaum noch atmet - und er/sie hat eine Schilddrüsenkrankheit - dann rufen Sie sofort den Notarzt. Sagen Sie klar: „Ich vermute ein Myxedema-Koma.“
Ein Patient berichtete auf einer Forenplattform: „Ich war 18 Monate lang als depressiv diagnostiziert. Ich hatte das Gefühl, durch Molasse zu laufen. Dann kam die Lungenentzündung - und ich lag 11 Tage auf der Intensivstation.“
Ein anderer schrieb: „Ich trug drei Pullover bei 25 Grad Außentemperatur. Keiner verstand, warum ich so friere.“
Die gute Nachricht: Wenn die Behandlung rechtzeitig beginnt, verbessert sich der Zustand oft innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Die Patienten erwachen aus dem Nebel. Aber nur, wenn man nicht wartet.
Was kommt als Nächstes?
Forscher arbeiten an neuen Methoden, um Myxedema-Koma früher zu erkennen. Eine Studie aus dem Jahr 2023 im „The Lancet“ zeigte, dass erhöhte Werte eines bestimmten Antikörpers (TSH-Rezeptor-Antikörper) die Wahrscheinlichkeit einer Krise mit 85 Prozent Genauigkeit vorhersagen können. In Zukunft könnte es Geräte geben, die in 15 Minuten die Schilddrüsenhormone im Blut messen - direkt am Krankenbett.
Die meisten Krankenhäuser in den USA haben bereits Notfallprotokolle für Myxedema-Koma in ihren Leitlinien. In Deutschland ist das noch nicht überall Standard. Aber die Erkenntnisse sind da. Die Medizin weiß, was zu tun ist. Es fehlt nur die schnelle Umsetzung - und das Bewusstsein, dass diese Krankheit nicht verschwindet. Sie wartet nur darauf, dass jemand sie erkennt.
Tora Jane
Januar 7, 2026 AT 21:57Diese Beschreibung hat mich echt berührt. Ich hab eine Tante, die jahrelang als depressiv durchgegangen ist, bis jemand endlich die Schilddrüse checkte. Sie lag dann auch im Krankenhaus, fast tot. Wenn ich daran denke…
Man sollte wirklich jedem Arzt sagen: ‚Ich nehme Schilddrüsenmedikamente.‘