Rot-Grüne Farbenblindheit: Ursachen, Vererbung und praktische Auswirkungen

Rot-Grüne Farbenblindheit: Ursachen, Vererbung und praktische Auswirkungen Feb, 22 2026

Wie viele Menschen wissen, dass Farbenblindheit nicht bedeutet, dass jemand nur Schwarz und Weiß sieht? Die häufigste Form - rot-grüne Farbenblindheit - ist kein vollständiger Verlust der Farbwahrnehmung, sondern eine gestörte Unterscheidung zwischen Rot, Grün, Braun und Orange. Tatsächlich ist es eher eine Farbverwirrung: Ein rotes Auto erscheint als dunkelbraun, ein grünes Blatt wie ein graues Blatt. Und das betrifft weit mehr Menschen, als man denkt: Etwa 8 % der Männer und nur 0,5 % der Frauen weltweit sind davon betroffen. Warum ist das so? Die Antwort liegt in unserem Erbgut - genauer gesagt, auf dem X-Chromosom.

Die genetische Ursache: Warum Männer häufiger betroffen sind

Rot-grüne Farbenblindheit ist eine vererbte Erkrankung, die durch Veränderungen in zwei speziellen Genen verursacht wird: OPN1LW und das Gen für das rote Sehpigment (L-Opсин) und OPN1MW und das Gen für das grüne Sehpigment (M-Opсин). Beide liegen auf dem X-Chromosom, einem der beiden Geschlechtschromosomen. Männer haben nur ein X-Chromosom (XY), Frauen zwei (XX). Das bedeutet: Wenn ein Mann ein defektes Gen auf seinem einzigen X-Chromosom trägt, hat er die Farbenblindheit. Eine Frau hingegen müsste beide X-Chromosomen mit defekten Genen haben - eine viel seltenerere Kombination.

Deshalb ist die Verteilung so ungleich. Ein Mann mit einer Mutation hat eine 50 %ige Chance, sie an seine Töchter weiterzugeben - aber nicht an seine Söhne, denn Söhne bekommen das Y-Chromosom vom Vater. Eine Frau mit nur einem defekten Gen ist Trägerin, aber meist nicht betroffen. Nur wenn beide Elternteile das defekte Gen weitergeben, kann eine Tochter tatsächlich farbenblind sein. Deshalb liegt die Rate bei Frauen bei nur etwa 0,5 %, während sie bei Männern bei 8 % liegt.

Wie funktioniert die Farbwahrnehmung - und was geht schief?

Unsere Augen haben drei Arten von Zapfen, die Farben erkennen: rot, grün und blau. Die roten und grünen Zapfen sind besonders anfällig für genetische Veränderungen. Normalerweise enthält das X-Chromosom ein einzelnes Gen für das rote Pigment, aber mehrere Gene für das grüne Pigment - manchmal bis zu fünf. Diese Gene liegen direkt nebeneinander in einer Reihe. Während der Zellteilung kann es vorkommen, dass sich diese Gene ungleich „vermischen“: Ein Teil des grünen Gens wird mit dem roten verknüpft, oder ein ganzes Gen wird gelöscht. Das Ergebnis? Entweder fehlt das rote Pigment vollständig (Protanopie), das grüne Pigment (Deuteranopie) oder beide Pigmente sind defekt, aber nicht ganz verschwunden (Protanomalie, Deuteranomalie).

Deuteranomalie ist die häufigste Form: Etwa 5 % der Männer haben eine leicht veränderte Version des grünen Sehpigments. Sie sehen Farben, aber nicht so klar wie andere. Einige können zwischen Rot und Grün unterscheiden, wenn die Farben hell oder dunkel genug sind - aber nicht, wenn sie ähnlich in der Helligkeit sind. Ein rotes T-Shirt auf grünem Rasen wird dann zur grauen Fläche. Das ist nicht nur ärgerlich - es kann gefährlich sein.

Was passiert im Alltag? Alltagsprobleme, die niemand sieht

Die meisten Menschen mit rot-grüner Farbenblindheit haben eine normale Sehschärfe. Sie sehen scharf, erkennen Gesichter, lesen Texte - aber sie verwechseln Farben. Und das hat Konsequenzen:

  • Elektriker können nicht erkennen, ob ein Kabel rot (Phase) oder grün (Erde) ist - sie müssen sich auf Zahlen oder Symbole verlassen.
  • Verkehrsampeln werden zur Frage der Position: Oben = Rot, Mitte = Gelb, Unten = Grün. In Nebel oder bei grellem Sonnenlicht wird das zur Herausforderung.
  • Beim Kochen: Ist das Fleisch gar? Oder nur dunkelrot? Einige berichten, sie würden die Temperatur mit einem Küchenthermometer prüfen, weil sie Farben nicht mehr vertrauen.
  • Im Büro: Grafiken mit roten und grünen Balken sind für Betroffene oft unlesbar. Stattdessen brauchen sie Striche, Punkte oder Zahlen.
  • Kleidung: Ein schwarzer Pullover mit dunkelgrünen Ärmeln wirkt wie einfarbig. Viele lernen, sich nur auf Muster oder Marken zu verlassen.

Eine Umfrage der Organisation Colour Blind Awareness ergab: 78 % der Betroffenen hatten Schwierigkeiten mit farbigen Lernmaterialien in der Schule, 65 % bei Ampeln, und 42 % bei Apps, die nur Farben als Hinweis nutzen. Einige fühlen sich beschämt, wenn sie beim Einkaufen ein rot-grünes Hemd tragen, das niemand als „falsch“ erkennt - außer sie selbst.

Ein Elektriker und ein Kind erkennen Ampeln an ihrer Position, nicht an der Farbe, in einem urbanen Abendlicht.

Testen und Diagnose: Der Ishihara-Test und mehr

Der bekannteste Test ist der Ishihara-Test und ein farbiger Zahlen- und Muster-Test, entwickelt 1917 vom japanischen Augenarzt Shinobu Ishihara. Auf jedem Bild sind Punkte in verschiedenen Farben, die eine Zahl bilden. Menschen mit normaler Farbwahrnehmung sehen die Zahl, Betroffene sehen eine andere Zahl oder gar nichts. Es ist einfach, schnell und wird heute noch in Arztpraxen, Fahrerlaubnisprüfungen und bei der Bundeswehr eingesetzt.

Aber es gibt auch modernere Tests: Der Farnsworth-Munsell 100 Hue Test misst, wie genau jemand Farbverläufe einordnen kann. Digitale Tools wie Color Oracle und eine kostenlose Software, die zeigt, wie Farben für Betroffene aussehen oder die App Sim Daltonism und eine App für iOS und Android, die Farben simuliert helfen Designern, ihre Apps und Websites barrierefrei zu machen.

Was hilft? Brillen, Apps und Anpassungen

Es gibt keine Heilung - aber es gibt Unterstützung. Die Brille EnChroma und eine spezielle Brille mit filternden Linsen, die seit 2012 auf dem Markt ist verspricht, Farbkontraste zu verstärken. Sie funktioniert besonders gut bei Deuteranomalie - etwa 80 % der Nutzer berichten von einer spürbaren Verbesserung. Die Brille kostet zwischen 329 und 499 US-Dollar, aber sie heilt nicht. Sie hilft nur, Farben besser zu unterscheiden - vor allem in natürlicher Umgebung.

Digitale Hilfen sind oft kostenlos und effektiver: Microsoft, Apple und Google bieten in ihren Betriebssystemen Farbfilter an. In Windows 10 kann man „Farbfilter“ aktivieren - dann wird der Bildschirm so dargestellt, als hätte man Farbenblindheit. So kann man testen, ob seine Grafiken lesbar sind. Apple hat diese Funktion seit iOS 8 eingebaut - rund 0,8 % aller iPhone-Nutzer nutzen sie, meist ohne dass sie selbst betroffen sind: Sie nutzen sie, um barrierefreie Designs zu testen.

Designern helfen Tools wie der Colorblindifier und ein kostenloses Plugin für Photoshop, das von über 45.000 Designern genutzt wurde. Es zeigt, wie eine Grafik für Betroffene aussieht - und hilft, Kontraste zu verbessern. Die Web-Zugänglichkeitsrichtlinien (WCAG 2.1) verlangen seit 2018, dass Informationen nicht nur durch Farbe vermittelt werden. Ein „roter Fehler“ muss auch mit einem Kreuz oder Text gekennzeichnet sein.

Ein Designer arbeitet mit Formensymbolen statt Farben, während eine Brille und X-Chromosomen als geisterhafte Formen schweben.

Die Zukunft: Gene-Therapie und neue Technologien

Wissenschaftler arbeiten an einer echten Lösung. 2022 gelang es Forschern der University of Washington, mit Gentherapie zwei Squirrel-Monkeys mit rot-grüner Farbenblindheit zu heilen. Nach der Behandlung konnten sie Farben sehen, die sie vorher nicht erkannten - und das über zwei Jahre lang. Das ist kein Zufall: Die Gene für die roten und grünen Pigmente sind fast identisch. Eine kleine Veränderung im Erbgut kann sie wieder funktionieren lassen.

Das National Eye Institute in den USA hat das Ziel, Farbsehstörungen zu heilen - und hat dafür 40 Millionen Dollar bereitgestellt. Die Brille EnChroma hat 2023 eine neue Linsentechnologie vorgestellt, die bei Deuteranomalie 30 % besser funktioniert als vorher. Und in Portugal wurde das ColorADD und ein Symbol-System, das Farben durch Formen und Muster ersetzt entwickelt. Es wird jetzt in 17 Ländern in U-Bahnen, Flughäfen und Krankenhäusern verwendet. Ein blaues Quadrat = Blau, ein grünes Dreieck = Grün. Keine Farbe nötig.

Die EU hat 2019 das Accessibility Act verabschiedet: Alle öffentlichen Webseiten und Apps müssen ab 2025 farbverträglich sein. In Großbritannien gilt Farbenblindheit seit 2010 als Behinderung - Arbeitgeber müssen Anpassungen machen. In den letzten sieben Jahren wurden über 1.200 Klagen wegen Diskriminierung bei der Berufswahl eingereicht - oft bei Piloten, Polizisten oder Elektrikern.

Was bleibt? Eine Lebensweise, kein Defizit

Die meisten Menschen mit rot-grüner Farbenblindheit leben ein normales Leben. Sie lernen, sich zu orientieren. Sie verlassen sich auf Formen, Positionen, Texte, Töne. Einige sagen: „Es hat mich besser gemacht.“ Ein Grafikdesigner aus Berlin berichtet: „Ich habe aufgehört, Farben zu vertrauen. Jetzt achte ich auf Kontraste, Schatten, Strukturen. Meine Designs sind klarer als die von anderen.“

Farbenblindheit ist kein Defizit - sie ist eine andere Art zu sehen. Und mit den richtigen Hilfen wird sie immer weniger zu einem Hindernis. Die Technik hilft. Die Gesellschaft lernt. Und die Betroffenen? Sie haben sich längst angepasst - und oft besser als alle anderen.

Kann man rot-grüne Farbenblindheit testen lassen?

Ja, jeder kann sich testen lassen. Der einfachste Weg ist der Ishihara-Test in der Augenarztpraxis. Viele Ärzte führen ihn routinemäßig durch, besonders bei Kindern oder bei Berufen mit hohen Anforderungen an Farbwahrnehmung. Es gibt auch kostenlose Online-Tests - aber die sind nicht verlässlich. Nur ein Augenarzt kann mit speziellen Geräten die Art und Schwere der Farbenblindheit genau bestimmen.

Ist Farbenblindheit erblich? Kann man sie vererben?

Ja, rot-grüne Farbenblindheit ist fast immer erblich und wird über das X-Chromosom weitergegeben. Männer, die betroffen sind, geben das defekte Gen an alle ihre Töchter weiter - aber nicht an ihre Söhne. Frauen, die Trägerinnen sind (ein defektes Gen), haben eine 50 %ige Chance, es an ihre Söhne weiterzugeben. Wenn eine Frau beide defekte Gene hat, ist sie selbst betroffen und gibt das Gen an alle Söhne und Töchter weiter.

Können Farbenbrillen wie EnChroma die Farbenblindheit heilen?

Nein, sie heilen nicht. Sie verändern das Licht, das ins Auge kommt, und verstärken Kontraste zwischen Rot und Grün. Viele Nutzer berichten, dass Farben lebendiger wirken - besonders im Freien. Aber sie funktionieren nicht bei allen, und sie helfen nicht bei schweren Formen wie Protanopie. Sie sind ein Hilfsmittel, kein Ersatz für normales Sehen. Die Wirkung ist auch nicht dauerhaft - sobald man die Brille abnimmt, ist alles wieder wie vorher.

Kann man mit Farbenblindheit Autofahren?

Ja, in Deutschland und den meisten Ländern ist das erlaubt. Die Führerscheinprüfung prüft nicht die Farbwahrnehmung, sondern die Fähigkeit, Ampeln an ihrer Position zu erkennen - oben rot, unten grün. Wer das kann, bekommt den Führerschein. Viele Betroffene lernen früh, sich auf Position und Form zu verlassen. In manchen Ländern wie den USA oder Japan ist die Prüfung strenger - dort kann man abgelehnt werden, wenn man die Ishihara-Tests nicht besteht.

Warum ist rot-grüne Farbenblindheit so häufig?

Weil die Gene für das rote und grüne Sehpigment direkt nebeneinander auf dem X-Chromosom liegen. Sie sind fast identisch - und das macht sie anfällig für Fehler bei der Vererbung. Beim Zellteilungsprozess tauschen sich diese Gene oft aus, und dabei kann ein Gen gelöscht oder verändert werden. Diese Mutation ist nicht schädlich, außer für die Farbwahrnehmung. Deshalb hat sie sich in der Evolution nicht abgeschwächt - sie ist einfach nur ein Nebeneffekt der genetischen Anordnung.