Quercetin und Medikamente: Wie Enzymhemmung die Wirkstoffspiegel beeinflusst
Jan, 3 2026
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Hinweis: Bei Dosen über 500 mg Quercetin pro Tag und bei älteren Menschen steigt das Interaktionsrisiko erheblich.
Wenn Sie Quercetin als Nahrungsergänzung einnehmen, denken Sie vielleicht an seine entzündungshemmende Wirkung oder seine Rolle als Antioxidans. Doch hinter dieser natürlichen Substanz verbirgt sich ein starker Einfluss auf Ihre Medikamente - und das kann gefährlich werden. Quercetin hemmt wichtige Leberenzyme, die dafür sorgen, dass viele Medikamente abgebaut werden. Wenn diese Enzyme blockiert werden, bleibt das Medikament länger im Körper, die Konzentration steigt - und mit ihr das Risiko von Nebenwirkungen oder sogar Überdosierungen.
Was genau macht Quercetin mit Ihren Medikamenten?
Quercetin ist ein Flavonoid, das in Äpfeln, Zwiebeln, Beeren und Tee vorkommt. In Lebensmitteln ist es harmlos. Doch in Nahrungsergänzungsmitteln werden oft Dosen von 500 bis 2.000 mg pro Tag eingenommen - das ist das Tausendfache dessen, was man durch Ernährung aufnimmt. Bei solchen hohen Dosen wirkt Quercetin wie ein chemischer Bremsklotz für die Cytochrom-P450-Enzyme, besonders CYP3A4, CYP2D6 und CYP2C19. Diese Enzyme sind für den Abbau von mehr als 70 % aller verschriebenen Medikamente verantwortlich.
Studien zeigen: Bei einer Konzentration von 10 Mikromol pro Liter hemmt Quercetin CYP2D6 um bis zu 85 %, CYP3A4 um 40-60 %. Das ist vergleichbar mit der Wirkung von Grapefruitsaft - nur viel stärker und länger anhaltend. Wenn Sie also ein Medikament einnehmen, das über CYP3A4 abgebaut wird, wie etwa Abemaciclib, Cyclosporin oder bestimmte Blutverdünner, kann Quercetin die Wirkstoffkonzentration im Blut um 20 bis 300 % erhöhen. Bei Cyclosporin, einem Immunsuppressivum, könnte das die Blutspiegel um 30-50 % steigen lassen - ein Risiko für Nierenschäden.
Welche Medikamente sind besonders gefährdet?
Nicht alle Medikamente reagieren gleich auf Quercetin. Einige sind besonders empfindlich, weil sie einen engen therapeutischen Index haben - das heißt, die Dosis zwischen Wirkung und Toxizität ist winzig. Hier sind die wichtigsten Kategorien:
- Blutverdünner: Acenocoumarol und warfarin können durch Quercetin in ihrer Wirkung verstärkt werden, was zu übermäßiger Blutung führt. Die INR-Werte können um 0,8 bis 1,5 Punkte ansteigen - das ist ein klinisch signifikanter Anstieg.
- Immunsuppressiva: Cyclosporin und Tacrolimus werden stark von CYP3A4 abgebaut. Quercetin kann deren Spiegel so stark erhöhen, dass Nierenversagen droht.
- Onkologische Medikamente: Abemaciclib, ein Brustkrebsmedikament, zeigt bei gleichzeitiger Einnahme von Quercetin eine 25-35 %ige Steigerung der Blutkonzentration. Das erhöht das Risiko für schwere Nebenwirkungen wie Durchfall, Müdigkeit und Blutbildveränderungen.
- Antikoagulanzien (DOACs): Apixaban und Rivaroxaban werden nicht nur über CYP3A4, sondern auch über Transporter wie OATP1B1 und BCRP aufgenommen. Quercetin hemmt diese Transporter - und damit die Ausscheidung. Die FDA und die EMA warnen explizit vor dieser Kombination.
- Schmerzmittel: Paracetamol (Acetaminophen) wird ebenfalls langsamer abgebaut. Bei Langzeiteinnahme könnte das die Leber belasten.
Einige Studien zeigen sogar, dass Quercetin die Wirkung von Antidepressiva wie Citalopram (CYP2D6-Substrat) oder Antiepileptika wie Diazepam verstärken kann. Wer mehrere Medikamente nimmt - etwa nach einer Organtransplantation oder bei chronischen Erkrankungen - ist besonders gefährdet.
Warum ist das nicht jedem bekannt?
Weil Quercetin als „natürlich“ gilt, denken viele, es sei unschädlich. Doch Natur bedeutet nicht sicher. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) hat 2018 klargestellt: Hohe Dosen von Quercetin über 1.000 mg/Tag stellen ein „potenzielles Risiko für Medikamenteninteraktionen“ dar. Die FDA listet Quercetin seit 2020 als „dietary supplement of concern“ - also als Nahrungsergänzung, die besondere Aufmerksamkeit erfordert.
Ein weiteres Problem: Die Bioverfügbarkeit von Quercetin ist extrem gering - nur 1-2 % werden aus dem Darm aufgenommen. Das führt dazu, dass viele Experten annehmen, die Interaktionen seien unwahrscheinlich. Doch das stimmt nicht. In der Darmwand, wo CYP3A4 in hohen Konzentrationen vorkommt, kann Quercetin direkt wirken - noch bevor es in die Leber gelangt. Hier hemmt es die erste Passage, also den Abbau vor der Aufnahme ins Blut. Das macht die Wirkung oft stärker als erwartet.
Einige Studien an Ratten zeigten, dass Midazolam (ein CYP3A4-Substrat) seine Wirkung um das 2,3-Fache verstärkt, wenn Quercetin mitverabreicht wird. Bei Menschen ist der Effekt nicht immer so dramatisch - aber er ist da. Und bei älteren Menschen, deren Leber- und Nierenfunktion nachlässt, wird das Risiko noch größer. Studien zeigen, dass Menschen über 65 Quercetin-Metaboliten 25-40 % langsamer abbauen.
Wie viel Quercetin ist zu viel?
Die Grenze liegt bei 500 mg pro Tag. Das ist die Empfehlung der University of California San Francisco und der American Society of Health-System Pharmacists. Darüber hinaus wird eine Einnahme von Quercetin als unverantwortlich eingestuft, besonders wenn andere Medikamente genommen werden.
Im Jahr 2021 haben 42 % der Amerikaner, die Quercetin einnahmen, mehr als 500 mg pro Tag genommen. 23 % sogar über 1.000 mg. Das ist kein Einzelfall - das ist eine Massenerscheinung. Die globalen Verkaufszahlen stiegen von 2018 bis 2022 um 12,7 % jährlich. In Deutschland ist die Zahl der Nutzer ebenfalls gestiegen, besonders nach der Pandemie, als viele nach „natürlichen Immunstärkern“ suchten.
Und das ist das Problem: Kein Hersteller muss vor der Vermarktung nachweisen, dass Quercetin mit Medikamenten verträglich ist. Unter dem DSHEA-Gesetz (1994) gilt es als Nahrungsergänzung - kein Medikament. Deshalb gibt es keine Warnhinweise auf den Flaschen. Die FDA hat seit 2018 17 Abmahnungen an Hersteller verschickt - wegen falscher Behauptungen wie „kann Blutdruck senken“ oder „verstärkt Wirkung von Chemo“ - aber nicht wegen Interaktionswarnungen.
Was können Sie tun?
Wenn Sie Quercetin einnehmen - oder planen, es einzunehmen - fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Nicht nur, ob es „gut“ ist. Sondern: „Welche Medikamente nehme ich, und könnte Quercetin sie beeinflussen?“
Wenn Sie bereits Quercetin einnehmen und Medikamente brauchen:
- Prüfen Sie Ihre Medikamente: Suchen Sie nach den Stichworten CYP3A4, CYP2D6, CYP2C19. Viele Apotheken bieten kostenlose Interaktions-Checks an.
- Vermeiden Sie Dosen über 500 mg/Tag. Selbst 250 mg können bei empfindlichen Patienten reichen.
- Vermeiden Sie die Kombination mit Blutverdünner, Immunsuppressiva und Krebsmedikamenten. Es gibt keine sichere Dosis, wenn diese Medikamente im Spiel sind.
- Wenn Sie nicht darauf verzichten können: Trennen Sie die Einnahme um 4-6 Stunden. Studien zeigen, dass das die Interaktion um 30-50 % reduzieren kann.
- Beobachten Sie Ihre Symptome: Unerklärliche Müdigkeit, blauer Fleck ohne Grund, Durchfall, Schwindel - das kann ein Zeichen für eine Überdosierung sein.
Einige Ärzte empfehlen, Quercetin aus der Ernährung zu nehmen - also Zwiebeln, Äpfel, Brokkoli - und auf Nahrungsergänzung zu verzichten. Das ist eine sichere Option. Denn in Lebensmitteln ist die Menge so gering, dass keine Hemmung der Enzyme stattfindet.
Was kommt als Nächstes?
Die FDA plant für 2024 eine neue Regel: Nahrungsergänzungsmittel mit hohem Interaktionsrisiko - wie Quercetin - müssen künftig deutliche Warnhinweise tragen. Es wird auch eine neue Datenbank geben, die Ärzte und Apotheker nutzen können, um Interaktionen schnell zu prüfen.
Zwei klinische Studien (NCT04873325 und NCT04659262) laufen derzeit, um genau zu messen, wie Quercetin die Wirkung von Medikamenten beeinflusst. Die Ergebnisse werden 2026 erwartet. Bis dahin gilt: Besser vorsichtig sein als traurig.
Quercetin ist kein Wundermittel. Es ist ein bioaktives Molekül - und wie jedes bioaktive Molekül kann es auch schaden. Wenn Sie Medikamente nehmen, ist es kein Supplement. Es ist ein Risiko. Und das sollten Sie nicht unterschätzen.
Kann ich Quercetin aus Lebensmitteln essen, wenn ich Medikamente nehme?
Ja, völlig sicher. Die Menge an Quercetin in Äpfeln, Zwiebeln oder Beeren ist zu gering, um Enzyme zu hemmen. Sie müssten mehr als 10 kg Zwiebeln pro Tag essen, um eine relevante Dosis zu erreichen. Die Gefahr entsteht nur durch Nahrungsergänzungsmittel mit hohen Dosierungen.
Ist Quercetin in Kombination mit Vitamin C gefährlich?
Nein. Vitamin C hat keine bekannte Wirkung auf CYP-Enzyme oder Transporter. Es kann sogar die Aufnahme von Quercetin verbessern, aber es verstärkt nicht die Hemmung der Enzyme. Die Kombination ist unbedenklich - solange Sie nicht gleichzeitig Medikamente einnehmen, die von Quercetin betroffen sind.
Warum wird Quercetin nicht auf Rezepten oder Packungsbeilagen gewarnt?
Weil es kein Medikament ist. Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln müssen keine Wechselwirkungen prüfen oder angeben. Arzneimittelhersteller hingegen müssen das tun - aber sie wissen oft nicht, dass Patienten Quercetin einnehmen. Die Verantwortung liegt beim Patienten und beim Arzt, das zu klären.
Gibt es sichere Alternativen zu Quercetin als Antioxidans?
Ja. Vitamin E, Astaxanthin oder Resveratrol haben weniger Einfluss auf die CYP-Enzyme. Resveratrol hemmt zwar CYP3A4, aber schwächer als Quercetin. Astaxanthin hat kaum bekannte Interaktionen. Wenn Sie ein Antioxidans brauchen, fragen Sie Ihren Apotheker nach einer Alternative mit niedrigem Interaktionsrisiko.
Was passiert, wenn ich versehentlich Quercetin mit meinem Blutdruckmittel eingenommen habe?
Wenn es nur eine einmalige Einnahme war und Sie keine Symptome haben (Schwindel, Pulsverlangsamung, Müdigkeit), ist das meist kein Notfall. Aber wenn Sie Blutdruckmittel wie Amlodipin, Verapamil oder Diltiazem einnehmen - die über CYP3A4 abgebaut werden - sollten Sie Ihre Blutdruckwerte in den nächsten 24-48 Stunden genau beobachten. Bei ungewöhnlichen Abfällen oder Symptomen sofort einen Arzt aufsuchen.